Unternehmen "Jenner": Die EUROPE

Photo by Robert Bye on Unsplash

 

Im Zentrale-Hauptbunker VERIS BASTION, dem elektronischen „Nervensystem” der Raumstation, herrschte die sinnlos erscheinende Emsigkeit der allerletzten Startvorbereitungen. Sämtliche Handgriffe, Durchsagen und Detailberechnungen galten einzig und allein dem Zweck, die längst festliegenden Endresultate nochmals zu kontrollieren.

Die Männer des für die Schiffselektronik verantwortlichen Ingenieurteams überprüften die zahllosen Schaltungen innerhalb des Astro-Elektronischen-Rechengehirns, dessen Aufgabe lediglich in eventuell erforderlichen Kurskorrekturen b stand.

Automat „B”, Spezialrobot für Start, Maschinenkontrolle und Fernlenkung wurde ebenfalls durchgesehen.

Optronisches Gehirn „C”, Robot-Koordinator für alle eingehenden Radarechos, gleichzeitig Kommandostation für die ferngelenkten Spezialkameras der Infrarot-Ortung, funktionierte so einwandfrei, wie man es auch erwarten konnte. Die letzten Kontrollberechnungen nach festliegenden Schablonen-Aufgaben stimmten bis zur zehntausendsten Dezimalstelle.

Die drei Hauptautomaten, allgemeingültig bezeichnet mit dem Ausdruck „Start- und Fernlenkelektronik”, wurden vom verantwortlichen Chefingenieur klar gemeldet.

Es geschahen all die Dinge, die bereits bei tausend vorangegangenen Starts mit hochspezialisierter Routine erledigt worden waren. Nur eine winzige Nuance im Grade der vorherrschenden Nervosität hätte dem erfahrenen Beobachter verraten, dass es sich diesmal nicht um einen „normalen” Raumschiffstart handelte.

Die schwer bewaffneten Soldaten am nördlichen Eingang des Zentrale-Hauptbunkers salutierten nachlässig. Admiral Hengist, Befehlshaber über das neue Projekt, legte in solchen Augenblicken keinen großen Wert auf exakte Ehrenbezeugungen. Ihm genügte es völlig, seine Männer mit wachen Sinnen auf dem Posten zu wissen.

Punkt 18 Uhr 45, genau nach Plan, betrat Hengist die Hauptschaltstation des Bunkers. In seiner Begleitung befanden sich der Chef des Stabes, Mister Baxter, sowie der wissenschaftliche Leiter des Projektes, Professor Tournesol. Die sinnverwirrende Geschäftigkeit innerhalb der Hauptzentrale erlitt durch den Eintritt der leitenden Persönlichkeiten keine Unterbrechung. Der Admiral war eben da, das war alles!

Hengist, von großer, hagerer Statur und mit ergrauten Haar, schritt auf den großen Kontrollbildschirm zu. Dieser zeigte eine gewaltige, in Stein geschlagene Halle, einen Hangar. In diesem Hangar war ein diskusförmiges Schiff mit Aufbauten in der Mitte der Scheibe jeweils oben und unten zu sehen. Der Rand der Scheibe zeigte an der der Kamera zugewandten Seite eine Einkerbung. Direkt dieser gegenüber auf der anderen Seite befanden sich weitere Aufbauten, sowie Triebwerke. Das ganze Gebilde ruhte auf Landestützen. Noch zwei Stunden früher hätte man hier unzählige Leute herumwuseln sehen, doch nun war niemand mehr da. Alle hatten den Hangar, verlassen. Diese imposante Halle war das neu fertig gestellte Herzstück der VERIS BASTION. Nachdem ASTROCOHORS die Station übernommen hatte, wurde sie nun für ihre neuen Aufgaben erweitert.

Die Decke des großen Hangars war im Moment noch geschlossen. Sie sollte sich demnächst öffnen. Das Raumschiff würde bald starten, niemand war mehr zugegen, ein Aufenthalt hier war viel zu gefährlich. Eine digitale Anzeige an der Wand verkündete dies.
„13. März 12021, T - 00:15:00”, das hatte Hengist beim Hereinkommen in den Raum gerade noch erkennen können. Inzwischen war die Zeitanzeige längst auf „T - 00:14:59” umgesprungen und die Sekunden liefen unermüdlich weiter rückwärts.
„Ist sie an Bord?”, fragte der Admiral plötzlich in den Raum.
„Vor zwei Minuten in den Landelift gegangen”, antwortete einer der Ingenieure.
„Dann läuft ja endlich mal alles nach Plan”, murmelte Hengist. Er dachte darüber nach, wie diese ganze Sache mit VERIS BASTION den ganzen Führungsstab Nerven gekostet hatte. Und das "Unternehmen 'Jenner'" sowieso. Die Admiralität hatte diese Mission nach Doktor Edward Jenner benannt, dem terranischen Arzt, der als erster eine Impfung durchgeführt hatte. Damals hatte er Menschen mit dem Krankheitserreger der Kuhpocken infiziert, deren Erkrankung für Menschen leichter durchzumachen war als die menschliche Variante. Und dennoch wurden die Menschen immun gegen die Menschenpocken. Ein Durchbruch! Jetzt sollte die EUROPE eine Mission erfüllen, die möglicherweise in ähnlicher Art historisch war. Ihr Ziel sollte der Planet Inogili sein, wo sie ein Vakzin gegen das Virus abholen sollte, das gerade im Sonnensystem und anderen Teilen der Galaxis grassierte. Noch so ein Ding, das dem Admiral Stress machte. So intensiv dachte er darüber nach, dass er nicht merkte, dass ihn jemand angesprochen hatte.

Admiral Hengist schreckte hoch. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er den jungen Fähnrich, er nun neben ihm stand, gar nicht bemerkt hatte.
„Was haben Sie gesagt?”, fragt er.
„Ob Sie ein paar Worte an die Kommandantin der EUROPE richten wollen, Sir”, wiederholte der Offizier geduldig, „Wir haben die Rückmeldung, dass sie nun in der Brücke angekommen ist. Der Countdown läuft nach Plan.”
Hengist sah auf die Anzeige.
„T - 00:13:00”
„Für tolle Reden ist es zu spät”, meinte der Admiral, „Captain K'Mon wird das Schiff auch ohne meine salbungsvollen Worte korrekt starten können.”
Damit versank er wieder in gebieterisches Schweigen. Und weitere Gedanken jagten ihm durch den Kopf. Die USS EUROPE lag ruhig in ihrem Hangar. Noch. Denn der Countdown lief.

Hengist wurde erneut aus seinen Gedanken gerissen. Irgendetwas piepte ganz nervig. Er sah sich um und erkannte, dass es Baxters Communiphon war. Dieser fingerte den kleinen Apparat aus seiner Hosentasche, drückte einen Knopf, hielt es sich ans Ohr und meinte; „Ja, Baxter? ... Sie haben sie? Na, großartig ... Streiten alles ab, natürlich. ... Griechen? Das ist ja sehr merkwürdig. Halten Sie sie fest, ich bin sofort da.”
Er drückte eine andere Taste und ließ den kleinen Apparat wieder in der Tasche verschwinden.
„Wir haben zwei Verdächtige”, sagte er zu Hengist erklärend, „die sich im Sperrgebiet der Basis herumgetrieben haben. Immer die gleiche Geschichte, sie erklären, sie seien irgendwie falsch aus dem Aufzug raus und dann in den falschen Gang geraten. Als ob unsere Warnschilder nicht groß genug wären. Sie entschuldigen mich.”
Und ohne ein weiteres Wort abzuwarten, verließ Baxter den Raum. Hengist sah erneut auf die Uhr mit dem Countdown. Bald war es so weit.

„T - 00:10:00”

„Tournesol”, sprach Hengist den wissenschaftlichen Leiter der Mission an, „wurden alle Leitungen des Schiffes nochmals überprüft und gegengeprüft und wirklich alle Defekte behoben?”
„Verschoben?”, fragte Tournesol, „nein, selbstverständlich haben wir die Endkontrolle des Schiffes nicht verschoben.”
Hengist fluchte innerlich. Tournesol war schwerhörig, was er aber nicht unbedingt einsehen wollte. Ein brillanter Mann, aber er brauchte ein Hörgerät, er hatte sogar eins, aber das hatte er nicht immer angeschaltet.
„Alle befallenen Leitungen wurden ausgetauscht und das ganze Schiff sozusagen auf Herz und Nieren überprüft”, erklärte Tournesol.
„Gut”, nickte Hengist und beließ es dabei.
Die EUROPE wirkte ganz ruhig. Die Uhr über dem Sichtschirm zeigte „T - 00:09:00” an. Noch neun Minuten.
Hoffentlich behält der alte Zausel recht, grübelte Hengist im Gedanken, Sonst möge das Fliegende Spaghettimonster seine nudeligen Anhängsel in Gnade über uns ausbreiten!

„T - 00:08:00”

„T - 00:07:00”

„T - 00:06:00”

„T - 00:05:00”

„T - 00:04:00”

„T - 00:03:00”

„T - 00:02:00”

„T - 00:01:00”

„T - 00:00:30”

„T - 00:00:15”, sagte einer der Techniker, „Haupthangartor öffnen, alles vorbereiten für den Abflug!”

„T - 00:00:10”

„T - 00:00:05”

„T - 00:00:04”

„T - 00:00:03”

„T - 00:00:02”

„T - 00:00:01”

„T - 00:00:00”, gellte es durch den Raum „Landeklammern weg! Die Triebwerke der EUROPE laufen hoch!”

Es ging ganz schnell. Die EUROPE schwebte nun in dem großen Raum. Langsam nahm sie Fahrt auf und bewegte sich durch das offene Haupttor.

„Alles Gute, Captain”, sagte Hengist halblaut. „Unsere Wünsche und Hoffnungen ruhen nun auf Ihnen.”





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